
Sitemap | Kontakt | Impressum | Newsletter | E-Mail
AKTUELLES | NEWS
GENANEWS MÄRZ 2012 ERSCHIENEN
Der aktuelle Newsletter hat seinen Schwerpunkt bei den Frauen- und Gender-Aktivitäten zur Green Economy in Deutschland, Europa und weltweit. Er informiert darüber hinaus über...
ABSCHLUSSBERICHT DES ÖKOSTROMPROJEKTES
Der Abschlussbericht des Forschungsprojektes "Erneuerbare Energie und Ökostrom. Zielgruppenspezifische Kommunikationsstrategien" liegt jetzt vor, in der Langfassung des...
CARE & GREEN ECONOMY
Ein neues Papier, das im Rahmen des Projektes G3 Green Economy geschlechter_gerecht veröffentlicht wurde, zeigt die Verbindungen zwischen Care und Green Economy auf. Wir freuen uns...
Was haben Geschlechterverhältnisse mit nachhaltigen Konsumentscheidungen in einer Green Economy zu tun?
Unser Wirtschaftssystem basiert auf Konsum, deshalb muss bei der Gestaltung einer gender_gerechten Green Economy der Konsum ebenso wie die Produktion betrachtet werden. Aus der Genderperspektive ist hier allerdings Vorsicht geboten, droht doch schnell die Gefahr der „Feminisierung der Verantwortung“ (Wichterich), weil traditionell der Konsum als Teil der privaten Sphäre Frauen zugeschrieben wird, während Produktion entsprechend in die Verantwortungssphäre der Männer fällt.
Mit den folgenden Beispielen zu genderspezifischen Konsum sollen Geschlechterunterschiede aufgezeigt werden, die aber immer im Zusammenhang mit anderen Faktoren wie Einkommen, Bildung, Ethnizität, Alter, etc. zu bewerten sind. Und vor allem im Zusammen mit Machtverhältnissen: Nicht allein wer ein Produkt kauft und nutzt hat Einfluss auf die Umwelt, sondern vor allem, wer über die Herstellung dieses Produktes entscheidet. Wer bestimmt, dass ein neues Produkt auf den Markt gebracht wird, und darüber entscheidet, ob wir das Produkt wirklich brauchen.
Bei der Analyse der Geschlechterverhältnisse im Konsumbereich zeigen sich klare Geschlechterdimensionen. Dies betrifft Entscheidungen über Anschaffung, Nutzung, Verwertung und Recycling von Produkten und Nahrungsmitteln.
Laut Statistischem Bundesamt Deutschland befassen sich Frauen etwa 4,25 Stunden täglich mit Haushaltsführung und Betreuung der Familie, Männer im Durchschnitt etwa 2,5 Stunden (1). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in der Europäischen Union 80% der Konsumentscheidungen von Frauen getroffen werden. In Mehrpersonenhaushalten tragen Frauen zu 70% die Verantwortung für die Haushaltsführung, 71% der Einkäufe werden von Frauen erledigt. Gleichzeitig werden 80% der Finanzmittel von Männern ausgegeben (2), verfügen diese in der Regel doch auch über deutlich höhere Finanzmittel.
Frauen sind nach Datenlage eher für die Einkäufe des täglichen Bedarfs zuständig, während Männer in Mehrpersonenhaushalten tendenziell eher Entscheidungen über „abstrakte“ (nicht personenbezogene) Dienstleistungsangebote wie Geldanlagen, Energieversorger oder Versicherungen treffen. Auch tätigen sie eher außergewöhnliche, meist einmalige Anschaffungen wie größere Elektrogeräte oder Autos (3). Männer konsumieren demnach stärker in Bereichen, in denen nicht nur größere Summen ausgegeben werden, sondern die Energieintensität der angeschafften Produkte auch größere Auswirkungen auf die Umwelt haben.
Aus der Geschlechterperspektive spielt über die simple Frage hinaus, für welche Produkte und in welchem Umfang Männer und Frauen Konsumentscheidungen treffen, das Aushandeln dieser Konsumentscheidungen eine Rolle, aber auch, welche Ursachen es für die Unterschiede im ökologischen Bewusstsein und daraus abgeleitetem Präferenzen bei Frauen und Männern gibt.
Frauen nutzen ihre Konsumentscheidungen eher als Männer für politische Statements oder (unternehmens-)politische Einflussnahme. Dies zeigte sich bei einer Untersuchung zum Bezug von Ökostrom, die von LIFE e.V. durchgeführt wurde (4). Bei ihren Konsumentscheidungen helfen ihnen Labels wie der Blaue Engel, denen sie deutlich stärker vertrauen als Männer. Durch ihr Kaufverhalten, die Wahl oder den Boykott bestimmter Produkte, den Kauf von Fair-Trade-Produkten wollen sie bestimmte institutionelle und Marktpraktiken verändern (Stolle und Micheletti 2004). Gerechtigkeit und Fairness spielen bei ihren Kaufentscheidungen eine wichtige Rolle.
Studien aus verschiedenen europäischen Ländern kommen zu dem Ergebnis, dass Frauen als Männer eher bereit sind für Klimaschutz und Emissionsreduktion auch höhere Preise zu bezahlen. In Dänemark zum Beispiel gaben 62% der Frauen und 54% der Männer an, höhere Preise für in Kauf zu nehmen, wenn dadurch die Umwelt geschont wird (5).
Diese größere Bereitschaft von Frauen, ihre Konsumverhalten zu ändern, kann im Zusammenhang mit ihrem höheren Umweltbewusstsein gesehen werden, das wiederum beeinflusst wird von gesellschaftlichen Rollen und hier vor allem der Verantwortung für zukünftige Generationen. Zu hinterfragen ist allerdings bei allen in Bevölkerungsumfragen geäußerten Einstellungen, ob sich diese auch wirklich im alltäglichen Verhalten umsetzen.
In Deutschland essen Frauen im Schnitt nur etwa halb so viel Fleisch wie Männer (53g bzw. 103g täglich). Der Anteil an Vegetarierinnen ist mit 3,4% mehr als doppelt so hoch wie unter Männern (6). Auch bezüglich Genussmittel legen Frauen ein moderateres Konsumverhalten an den Tag. Sie konsumieren durchschnittlich weniger als halb so viel Tabak und Alkohol wie Männer (7). In Produktion und Transport weisen diese „Luxus“produkte eine hohe CO2-Bilanz auf.
Ein weiterer Bereich mit geschlechterspezifischem Konsumabdruck ist die Energie. Es lässt sich sagen, dass meist Männer Entscheidungen treffen über beispielsweise die energetische Ausstattung der Bausubstanz, wie Isolierung der Fenster, Dämmung, Heizungsart etc. (8). Eine schwedische Studie zeigt, dass unabhängig von Alter und Einkommen der Energieverbrauch von Männern durchschnittlich 23% höher ist als der von Frauen. Ein wesentlicher Grund dafür liegt im Mobilitätsverhalten: größere und schnellere Autos, aber auch mehr und längere Wege, die zurückgelegt werden (9).
Alle genannten Geschlechterunterschiede resultieren aus den gesellschaftlichen Rollen, die Männern und Frauen zugesprochen werden. Diese sind veränderbar, da sie erst in sozialer Interaktion geschaffen und reproduziert werden. Deshalb ist es von großer Bedeutung, nicht nur Geschlechterunterschiede im Konsum zu betrachten, sondern die Geschlechterverhältnisse in Konsumstrukturen zu hinterfragen (10).
Eine geschlechter_gerechte Green Economy muss die sozialen und ökologischen Dimensionen der Produktion und des Konsums von Produkten und Dienstleistungen betrachten. Dabei geht es nicht um die Zuweisung von Verantwortung auf die Einzelnen, sondern um einen gesamtgesellschaftlichen Umgang mit nachhaltigem Konsum, sowie um umwelt-und sozialverträgliche Produktion. Die Entscheidungen in beiden Bereichen bedingen sich und sollten gleichgewichtig getroffen werden. Wo steckt welches Veränderungspotenzial und wer muss für Bewusstseinsschaffung angesprochen werden? Welche gesellschaftlichen Strukturen müssen überwunden werden, um gleichberechtigte Möglichkeiten und Verantwortungsübernahme für die Umwelt zu schaffen? Wo liegen die Ursachen für die Kluft zwischen Bewusstseinswandel und Verhalten?